7. November 2024 5. Januar 2025

Merlin Reichart

Merlin Reichart (*1991) studierte Design, Malerei und Zeitbezogene Medien. Er graduierte 2022 mit dem Master of Fine Arts an der HFBK Hamburg und absolvierte Austauschsemester an der ENSBA Paris und der ERG Brüssel.

Inspiriert von gesellschaftlichem Diskurs, Politikwissenschaften, Umweltforschung, Philosophie und Science-Fiction interpretiert Reichart aktuelle Beobachtungen und Phänomene in unserer Gesellschaft. Um diese spürbar zu machen, gibt er dem kollektiven Unbewussten eine intuitive Form, wobei er sich auf verwobene Themenkomplexe fokussiert, wie das Verhältnis von Kultur und Natur, Internetkultur oder die Mentalität in Zeiten der Klimakatastrophe.

Artist Talk: Merlin Reichert in der HFBK Boutique

Impulsfrage:  Was bereitet mir beim Gedanken an die Zukunft Unbehagen?

DOOM2022

Eisenglimmerlack, Schaustellerlampen, Stahl, LEDs, Sandsäcke, ca. 750 x 140 x 60 cm

DOOM artwork

Merlin Reichart, DOOM, 2022, Installationsansicht, HFBK Boutique, 2024

Die Form der Skulptur ist eine Referenz an ein Volksfest, den Hamburger DOM. Durch ein Wortspiel verändert sich jedoch die Bedeutung: Wo einst die Ankündigung zur Vorfreude stand, befindet sich nun Unbehagen und so funktioniert die Skulptur auch als Schwelle zwischen zwei Orten. Auf der einen Seite der Jahrmarkt als eskapistischer Zufluchtsort – auf der anderen der öffentliche Raum als unheilvolle Zukunft.

Impulsfrage:  Wie viele Überwachungskameras haben mich heute schon gefilmt?

Eufearia2020

Spionspiegel, Webcam, LCD, Mini-PC, Gesichtserkennungssoftware, Stahl, Beton, Glas, Neon, Digitaldruck auf Fotopapier, 80 x 90 x 16 cm

Eufearia artwork

Merlin Reichart, Eufearia, 2020, Installationsansicht, HFBK Boutique, 2024

Das Portrait einer jungen Person ziert die Seitenleiste von Eufearia. Nähern sich Betrachtende dem Spiegel, aus dem die Arbeit besteht, können sie sich selbst mit einer kurzen Verzögerung sehen – aber auch eine Reihe an Betrachtenden, die vor ihnen kamen. Während der Spiegel zunächst auf den privaten Raum referiert, deutet er im erweiterten Sinn die Darstellung des Selbst im Digitalen und somit dem öffentlich Zugänglichen an.

Wie die Wortschöpfung des Titels Eufearia nahelegt, finden sich in der Arbeit zwei gegensätzliche Auslegungen wieder: Zum einen das (positive) Annehmen der Möglichkeiten, insbesondere der Selbstdarstellung, die sich im Digitalen bieten. So finden sich im Spiegel Spuren der persönlichen Gestaltung wieder: ein Schlüsselbund mit buntem Anhänger, ein Smiley-Sticker, der am Rahmen angebracht wurde, und ein Tribal-Tattoo. Zum anderen jedoch die ungewollte Verwandlung der Betrachtenden vom aktiven Akteur*in in ein “User/Produkt”. Ohne diesem zugestimmt zu haben, werden sie von der Arbeit zu Datensätzen weiterverarbeitet, deren Nutzen den Betrachtenden nicht offenbart wird.

Alle Versuche der Gegenwehr – in Beton gefasste Glasscherben auf der linken Seite, spitze Nieten auf der rechten Seite des Rahmens – verbleiben schlussendlich als zwar widerständiger, aber (gescheiterter) Versuch, sich gegen eine Vereinnahmung zu stellen. Sie sind nur noch visuelle Referenzen und Relikte einer bereits vergangenen Zeit, die keine Chance mehr haben gegen die (feindselig gestimmte) Technologie, von der das Objekt im Inneren eingenommen wird.

Impulsfrage:  Was bedeutet Natur für mich?

Habitat2022

Einkanalvideo, 0‘30“, 55“ Display, Plastikstuhl / 3D-Animation: Wassili Franko, 60 x 80 x 140 cm

Habitat artwork

Merlin Reichart, Habitat, 2022, Installationsansicht, HFBK Boutique, 2024

Der Kunststoffstuhl „Monobloc“ zählt zu den Objekten, die weltweit beinahe überall anzutreffen sind. Begründet durch seine einfache industrielle Fertigung aus einem einzigen Guss Kunststoff, ist er der Inbegriff kapitalistischer Massenware. Aufgrund seiner Wetterbeständigkeit ist er ein global beliebtes Möbelstück für Außenbereiche wie Campingplätze, Vorgärten oder Restaurants.

In seiner Videoarbeit Habitat (ver-)setzt Reichart den Kunststoffstuhl in die Szenerie des Gemäldes A Stream in the Forest (1865) von Asher Brown Durand, das die Vorstellung einer „unberührten Natur“ ohne menschlichen Eingriff idealisiert. Obwohl aktuelle ökologische Beiträge, wie die Arbeiten des Philosophen Timothy Morton oder Philippe Descolas „Jenseits von Natur und Kultur” (2013), die Gegenüberstellung von Natur und Kultur problematisieren, bleibt das von der Romantik geprägte Verständnis von Natur als das andere der Kultur gesellschaftlich fort.

Auf der Sitzfläche des Kunststoffstuhls in Habitat brennt eine lodernde Flamme. Einerseits ist Feuer Werkzeug des Menschen sich Natur und Umwelt zu eigen zu machen. Aus diesem Grund gilt auch in der griechischen Mythologie Prometheus – der Feuerbringer – als Urheber der menschlichen Zivilisation: Mit ihm beginnt sich die Menschheit die Natur zu unterwerfen. Andererseits ist das Feuer in der Arbeit von Reichart ein Symbol für die folgenreiche Zerstörung des eigenen Lebensraums, die seit der industriellen Revolution voranschreitet und sich durch die aktuellen Herausforderungen des Klimawandels immer deutlicher abzeichnet. Auch wenn die Flamme in Reicharts Videoarbeit nicht erlischt, erinnert sie daran, dass die Zeit des Menschen auf der Erde begrenzt ist.